Kein Anhänger des Gottesstaats
Neuer Schiitenführer Abdelaziz al-Hakim ist auf Rückendeckung durch starke UN angewiesen
Der gewaltsame Tod des Schiitenführers Ayatollah Bakir al-Hakim hat seinen jüngsten Bruder Abdelaziz an die Spitze des Obersten Rates der Islamischen Revolution in Irak (Sciri). Diese ungewollte und tragische Befreiung vom Schatten des großen Bruders stellt ihn vor enorme menschliche und politische Herausforderungen.
von Abdel Mottaleb El Husseini
Bakir war der siebte Bruder von Abdelaziz, der einem politischen Mord zum Opfer fiel. In den vergangenen 20 Jahren wurden insgesamt 43 nahe Verwandte Al-Hakims durch das Regime Saddam Husseins liquidiert - ein teurer Preis für die oppositionelle Haltung gegenüber der Diktatur. Dies ist eine unvorstellbare psychische Belastung und ein schweres Erbe für den Nachfolger.
Der 45-jährige Abdelaziz al-Hakim galt während der vergangenen zwei Jahrzehnte als "rechte Hand" seines ermordeten Bruders. Er führte den bewaffneten Arm der Organisation, die 10 000 Mann starke Badr-Brigade, und baute die Zusammenarbeit mit oppositionellen Gruppen aus. Seit Juli ist er Mitglied im Regierenden Rat. Seitdem kooperiert er faktisch mit der US-Besatzung, deren Ende mit politischen Mitteln er aber anstrebt. Bewaffnete Angriffe gegen US-Soldaten abzulehnen, trägt ihm aber auch heftige Kritik ein.
Den Weg des verstorbenen Ayatollah Bakir al-Hakim im Sciri fortzusetzen, ist keine einfache Aufgabe. Bakir al-Hakim war der Gründer, der Stratege und Taktiker der größten schiitischen Organisation in Irak. Er vereinigte in sich eine religiöse und politische Autorität sowie die Begabung, Gläubige zu mobilisieren und durch seine Überzeugungskraft zu steuern.
Diese Fähigkeiten sind gerade in der jetzigen Lage für Abdelaziz al-Hakim von Nöten. Die Stimmung unter den Schiiten ist momentan hoch explosiv. Die Rufe nach Vergeltung für den Mord am Ayatollah am heiligsten Platz der Schiiten vermischen sich mit den Forderungen nach Abzug der US-Besatzungstruppen. Der Verdacht, der Anschlag gehe auf eine Allianz des alten Regimes mit sunnitischen Al-Qaeda-Extremisten zurück, tut das Seine, die Gefahr einer blutigen schiitisch-sunnitischen Konfrontation in Irak zu vergrößern. Abdelaziz al-Hakim steht damit vor der riesigen Herausforderung, die bedrohte nationale Einheit zu retten. Seine Aufrufe zur Mäßigung während der dreitägigen Beerdigung seines Bruders wirkten bisher auf die gespannte Situation in Irak beruhigend. Ob er aber die Solidarität der Gläubigen langfristig für seinen gemäßigten politischen Kurs nutzen kann, wird wesentlich davon abhängen, ob die Vereinten Nationen und nicht die USA künftig eine führende Rolle beim Wiederaufbau Iraks spielen werden.
Indem Abdelaziz al-Hakim Washington für das Blutvergießen in Irak verantwortlich macht, kann er seine Position gegenüber der anti-amerikanischen schiitischen Opposition von Moktada As-Sadr und der iranischen Konservativen festigen. Er steht für ein friedliches Zusammenleben aller Iraker unabhängig von ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit und lehnt einen schiitischen Gottesstaat nach iranischem Vorbild ab. Er weiß, dass der Fortbestand des Status quo in Irak nur zwei Alternativen mit sich brächte: einen Bürgerkrieg oder einen Befreiungskrieg. Beide sind nicht im Interesse der Iraker.
(c) Abdel Mottaleb El Husseini, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau vom 6.9.03